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So ganz neu ist der Trend zum Ausmalen vorgegebener Motive nicht: Malbücher für Erwachsene gab es in Form von Mandala-Ausmalbüchern schon sehr viel länger. Doch zum neuzeitlichen Entspannungs-Boom wurde dieser Trend erst mit Serien wie "Game of Thrones". Vor allem die Briten und Amerikaner frönen nun dem neuen Entspannungsprogramm, indem sie Bilder ausmalen. Zurück zum inneren Kind, könnte die Devise dahinter lauten. Ist uns im Zeitalter medialer Überflutung und ständiger Erreichbarkeit etwa etwas Elementares verloren gegangen?



Vom Schwarz-Weiß-Bild zum manuellen Kolorieren

Malen nach Zahlen ist out. Dafür ist eine wie Johanna Basford, Illustratorin aus Schottland, groß im Geschäft. Sie schafft die fantasievollen Vorlagen, in denen Erwachsene sich verlieren können, wenn sie sie ausmalen. Dazu braucht es nur Buntstifte und eine geschickte Hand. Die detailreichen Zeichnungen haben es nämlich in sich. Man muss so schöne Motive nicht mehr selbst mit dem Zeichenstift erschaffen. Das übernimmt die Künstlerin. Jeder Malfan trägt aber dennoch etwas dazu bei, indem er die Bilder solcher Künstler per Buntstift oder Tusche koloriert.

Johanna Basford landete bei Amazon mit ihrem Erwachsenen-Malbuch in der Liste der Top-Verkäufer. Ihr Bestseller "Mein verzauberter Garten" sowie der Nachfolge-Malrausch "Mein Zauberwald" scheint gleich mehrere Bedürfnisse anzusprechen. Zum einen möchten die Menschen sich kreativ entspannen. Zum anderen möchten sie dafür nicht erst einen Meisterkurs im Zeichnen und Malen belegen müssen. Zum Dritten kann man sich in den floralen Motiven, detailreichen Zaubergärten oder Mandalas der Illustratorin einfach verlieren. Statt eine Soap im Fernseher zu konsumieren, hängt jeder beim Ausmalen solcher Bider seinen eigenen Träumen nach.
Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.
Pablo Picasso
Die schottische Illustratorin war selbst ziemlich überrascht von dem Boom, den sie mit ihrem Buch ausgelöst hat. Sie war nach eigenen Angaben sogar drauf und dran, den bereits unterschriebenen Buchvertrag wieder aufzulösen. Doch dann besann sie sich eines Besseren - und so wurde aus einer freiberuflich tätigen Illustratorin ein Bestseller-Autor.

Früher musste man sich als Erwachsener die Malbücher seiner Kids schnappen, um seinen kreativen Trieb auszuleben. Das kam beim Nachwuchs vermutlich nicht immer gut an. Zudem schien es irgendwie deplatziert zu sein. Es schien für eventuelle Zeugen dieses Handelns sogar ein etwas infantiles Bedürfnis auszudrücken. Jetzt darf man endlich nach Lust und Laune den Buntstift schwingen.

Der Boom, den niemand erwartet hat

Johanna Basford ist nicht die Einzige, die an diesem Ausmal-Boom Schuld ist. Die "Game of Thrones"-Malbücher erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit. Außerdem finden sich in den Buchhandlungen längst diverse weitere Vertreter dieser Kreativrichtung. Keri Smith fordert beispielsweise auf ihrem ähnlich gelagerten Buchtitel dazu auf, ihr Buch fertigzumachen. Das darf man gerne wörtlich nehmen. Es dient der Entspannung und anschließend dem Aggressionsabbau. Nach dem Ausmalen soll man seine Kunstwerke nämlich blattweise zusammenknüllen, zerreißen oder anzünden und aus dem Fenster werfen. Das erinnert doch ein wenig an die kunstvollen Sandmandalas der Tibeter. Diese werden nach dem mühseligen Erstellen von den Mönchen zusammengefegt, in ein Gefäß gefüllt und in den Fluss geschüttet. Nichts ist für die Ewigkeit.

Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Künstler ausmacht, folgt: nur wer Künstler ist ist Mensch. ... Jeder Mensch ist ein Künstler.
Joseph Beuys
Der Drang nach kreativer Betätigung mag ein wohltuender Gegentrend zum PC-Wahn der Facebook-Generation sein. Es mag aber auch sein, dass fast jeder gestresste Mensch sich gerne kreativ betätigen würde. Doch viele Menschen haben für die Kunst keine Begabung. Vielfach wurden Begabte bereits früh im Leben als angeblich unbegabt frustriert. So fanden sie nie heraus, wofür sie begabt gewesen wären. Für das Ausmalen benötigt man nur die Begabung, mit dem Buntstift nicht über die Linie zu malen. Ebenso kann man heute mit fertig zusammengestellten Sets, die alle benötigten Zutaten enthalten, einen Likör herstellen oder vegane Wurst herstellen. Hinter dem Ausmal-Boom steckt also viel mehr als nur die naive Kritzelei selbstvergessener Erwachsener. Es ist vielleicht das Bedürfnis nach einem privaten Raum, in dem man ganz man selbst sein darf.

Natürlich steckt hinter einem Boom auch immer eine Marketingmaschinerie, die Bedürfnisse erzeugt oder aufnimmt und sich zu eigen macht. Doch wenn das Bedürfnis nach Entschleunigung und Selbstvergessenheit nicht schon in vielen Menschen latent vorhanden gewesen wäre, hätte man unmöglich ein Massenphänomen daraus machen können. Die Mandala-Malbücher der Achtziger und Neunziger bedienten denselben Stresspegel. Sie waren aber thematisch anscheinend nicht für jeden interessant. Heutzutage bewirbt ein britischer Verlag ein Ausmalbuch als "Art Therapy Colouring Book". Auch hier dominieren florale Motive und Tiere. Anscheinend verlieren wir uns gerne in Fantasiewäldern und Träumen. Für Momente den Horror des IS-Terrors und von Nachahmergruppen wie "Boko Haram" oder "Al Kaida" vergessen zu können, ändert die Welt zwar nicht. Man kann sie aber besser ertragen, wenn man gelegentlich aussteigt. Ob man den Ausmal-Boom als sinnfreies Tun und Zeitverschwendung ansehen kann, ist fraglich. Vielleicht erinnert sich mancher Malfan beim Ausmalen daran, wie schön die Natur ist. Oft vergessen wir, was für malerische Orte in unserem direkten Umfeld existieren und dass es noch anderes als W-LAN und Facebook gibt.

Lässt man sich auf das Ausmalen ein, tritt irgendwann unweigerlich eine Fokussierung auf das Hier und Jetzt ein. Nur das, was man gerade tut, ist wichtig. Man taucht ein in die Fantasie-Welt, die der Zeichner für einen kreiert hat. Für Menschen, die weitgehend mit ihrem eigenen oder dem überbordenden Ego anderer befasst sind, ein interessanter Moment. Die Selbstvergessenheit von Kindern hat mancher vor langer Zeit aus seinem Erwachsenenleben ausgesperrt. Selbst die Lästerer, die einen Selbstversuch mit dem kritischen Geist des Skeptikers wagen, sehen sich genötigt, diesem Effekt Respekt zu zollen.

Nur: Wo vergisst man sich eigentlich selbst?

Man darf davon ausgehen, dass die wachsende Klientel derer, die sich in Selbstvergessenheit üben, dies bevorzugt in den heimischen vier Wänden tut. Tut man es nämlich in einem Café, kann es schon mal öffentliche Kommentare von benachbarten Tischen hageln. Das musste eine Testerin des Magazins "Der Spiegel" erfahren. Auch wenn die schottische Illustratorin Johanna Baford sagt, dass das Ausmalen mittlerweile salonfähig geworden ist, bleibt es in den Augen derer, die sich dem Trend bislang verweigern, anscheinend etwas anrüchig. Mancher hält es gar für einen Trend, der zivilisatorisch gelangweilte Menschen da abholen soll, wo sie gerade sind.
Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.
Pablo Picasso


Hört man das erste Mal von Malbüchern für Erwachsene, rümpft mancher die Nase und denkt "Definitiv nix für mich." Man verbindet das Ausmalen vorgegebener Motive automatisch mit der Kindheit, der esoterischen Ecke oder therapeutischem Malen. Ganz falsch sind solche Vorurteile ja nicht. Die Existenz von Mandalas in den Malbüchern der Bestseller-Autoren verrät, dass es durchaus eine esoterische Komponente gibt. Und warum auch nicht. Wer sich von Esoterik verspricht, mit dem inneren Kind in Berührung zu kommen oder in eine meditative Entspannung zu kommen, der hat davon einen Gewinn. Er rückt sich selbst wieder näher. Auch der therapeutische Effekt muss innerlich nicht abgewehrt werden. Im Gegenteil: Wer sich täglich ein bisschen Urlaub vom Stress gönnt, ist vielleicht glücklicher und ausgeglichener. Vielleicht bezieht er daraus als Elternteil die Erkenntnis, dass er die eigenen Kinder öfter vom PC wegzerren sollte, um ihnen das Vergnügen an kindlicher Selbstvergessenheit nahe zu bringen. Viele, die sich anfangs gegen den Ausmaltrend gewehrt haben, sind dann doch von ihm gefangen worden. Es ist ja praktisch unvermeidlich, dass einem früher oder später jemand Wohlmeinendes ein Ausmalbuch schenkt.

Immerhin haben namhafte Magazine bereits diesen Mega-Trend aufgegriffen und zum Thema gemacht - unter Ihnen die "Süddeutsche" oder das Polit-Magazin "Der Spiegel". Man muss nicht jedem Hype den Ruch überstülpen, nichts als ein Marketingtrick zu sein. Wenn ein Boom an den Bedürfnissen der Menschen vorbei ginge, würde es kein Boom werden. Wir sehen das an Erfolgs-Sendungen wie "Downton Abbey" oder "Call the Midwives". Auch wenn solche Serien nicht immer die heile Welt spiegeln, lassen sie uns in unbekannte Universen blicken. In ihnen können wir jede Menge Gutmenschen kennenlernen und Vergleiche zu unserer eigenen Lebenswelt ziehen. Ein bisschen heile Welt ist natürlich immer dabei - auch bei den Ausmalbüchern. Vielleicht fällt uns irgendwann auf, dass wir selbst auch etwas dafür tun können, dass es eine heile Welt gibt.

Wie sagte Marie Ebner-Eschenbach einst so treffen? "Wenn der Klügere immer nachgibt, regieren die Dummen die Welt." Auf die heutige Lebenswelt umformuliert, müsste es heißen: Wenn wir Terrorgruppen, Umweltzerstörung, Manipulatoren, Feindbildern (und so weiter) das Feld überlassen, regieren eben diese Kräfte die Welt. Kein Ausmalbuch kann uns helfen, darüber hinweg zu sehen.

Also: Wozu das Ganze?

Malbücher können uns nachdenklich machen. Sie können uns Bedürfnisse verdeutlichen, von deren Existenz wir bisher nichts wussten. Ausmalbücher für Erwachsene dienen der Achtsamkeit, der Entschleunigung und Entspannung. Obwohl man es zunächst nicht erkennt, fördern sie durchaus die eigene Kreativität. Einige Momente der Selbstvergessenheit erinnern uns an die Kindheit, als wir noch mit frischem Blick und vollkommen konzentriert auf eine Sache die Welt erleben konnten. Wir hatten noch nichts mit Multitasking am Hut. Gegen Reizüberflutung, Termindruck und die ständige Smartphone-Präsenz gibt es kein besseres Mittel als ein Malbuch. Der Witz ist: Erst wenn man alles loslässt, was man ins eigene leben hineinfüllt, bemerkt man den Stresspegel, den es verursacht. Bilder auszumalen, statt wieder mal einen Tatort mit hoher Leichenfrequenz zu sehen, lässt einen besser schlafen. Probieren Sie es einfach mal aus.